EHEC-Sprossen, Heilserwartung und Verantwortung

Nach den bis heute (15. Juni) vorliegenden Meldungen sollen bereits 37 Menschen an den Folgen einer Darminfektion mit „EHEC“-Bakterien gestorben sein.
Sie hatten sich gesund ernähren wollen: mit jahreszeitlich ohne weite Transportwege verfügbaren frischen Gemüsen, zubereitet als gemischte Rohkostsalate und angereichert oder auch nur ein wenig garniert mit Pflanzensprossen. Die Köche in den Lokalen hatten sich bei der Essenszubereitung ebensowenig etwas Böses gedacht wie die Mütter und Väter in der häuslichen Küche.
Nicht irgendein ausländisches Billigprodukt oder eine kriminelle Machenschaft eines geldgierigen Kapitalisten (wie die öffentliche Ursachenzuschreibung in dem einen oder anderen früheren Skandal gelautet hatte) war ursächlich für die Epidemie, sondern das Produkt eines als seriös geltenden deutschen sprossenanbauenden Gartenbaubetriebes.
Mehr noch: Dieser Betrieb wirbt damit, daß er bereits seit 1978 einer ökologisch einwandfreien „Bio“-Anbaumethode verpflichtet sei. „Bio“ steht bislang im allgemeinen Bewußtsein der Deutschen für gesund und umweltbewußt. Nun sollen „Bio“-Sprossen „verantwortlich“ für den Tod von Menschen sein. Wie paßt das zusammen?
Zunächst: „Verantwortung“ setzt ein vernunftbegabtes und zu eigenständigem Handeln fähiges Wesen als ihren Träger voraus. „Bio“-Sprossen, Gurken oder Tomaten können daher genausowenig für etwas „verantwortlich“ sein wie ein Hund, das Wetter, ein Kernreaktor oder eine Flutwelle. Wir sollten deshalb „Ursächlichkeit“ für einen Geschehensablauf im tatsächlichen Sinne von „Verantwortlichkeit“ im philosophischen, juristischen, politischen oder theologischen Verständnis unterscheiden.
Sodann: In Deutschland reagieren Menschen höchlichst verunsichert, wenn auch in unserer Zeit noch Risiken sichtbar und Gefahren real werden, die trotz aller wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischen Möglichkeiten nicht beherrscht werden. Schnell ist die Opposition mit Vorwürfen bei der Hand, die Regierung habe „viel zu spät“ gehandelt – wohingegen aus dem Ausland im konkreten Falle „viel zu frühe“ Warnungen bemängelt worden sind.
Wenn jedoch (1.) ein begründeter Verdacht besteht, (2.) Tausende von Menschen gefährdet erscheinen, aber andererseits (3.) ein einwandfreier Beleg für einen Zusammenhang zwischen Wirkung und möglicher Ursache aussteht, ist politisches Handeln gefragt. Hier hat der Begriff der „Verantwortung“ seinen Platz! Denn hier gilt es, Risiken gegeneinander abzuwägen: Kosten, Imageschäden, zerstörte wirtschaftliche Existenzen, belastete Beziehungen hier, die Gesundheit und das Leben von Menschen dort.
Im konkreten Fall haben Politiker und Experten aller Parteien, Länder, Behörden, Krankenhäuser und Forschungsinstitute zusammengearbeitet, bis es – anders als bei früheren Ausbrüchen – in aufwendigen Recherchen gelungen ist, den Weg der Krankheitskeime zu den Erkrankten zu rekonstruieren. Dafür haben alle Beteiligten Dank und Anerkennung verdient. Wissenschaftliche Erkenntnisse benötigen eben einige Zeit und manchmal die Nutzung aufwendiger oder gar die Entwicklung neuartiger Methoden.
Wenn wir mit unseren Gedanken und Gefühlen bei den leidenden, trauernden, hoffenden und bangenden Menschen sind, sollten wir auch einen Moment an unsere eigene Einstellung zu Gott und der Welt denken: Nach jüdisch-christlichem Verständnis ist diese Welt nicht aus sich heraus „gut“ zu nennen, sondern gilt als „gefallen“. Denn die Menschen wenden sich aus Eigensucht und Verblendung immer wieder von ihrem Schöpfer ab. Das „Paradies“ ist – im Gegensatz zur Begriffsverwendung in der Werbesprache – kein Platz mit optimalen Bedingungen für menschliche Freizeitfreuden, sondern der vorgestellte Urzustand der Welt nach Gottes Willen. Und daher ist die Annahme, in „Bio“ und „Öko“ liege ein „gutes“, weil: „naturgemäßes“ Leben, ebenso naiv wie gefährlich.
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, sagt Jesus (Joh. 18, 36). Von einer Regierung kann man daher nach christlicher Auffassung kein religiöses „Heil“ im Diesseits erwarten – wohl aber ein Handeln im Bewußtsein ihrer Verantwortung vor Gott für die Menschen.
Jürgen Plöhn